Ruhe im Schallwellenmeer
Erstveröffentlichung in der Schweizer Musikzeitung
Text von Pia Schwab
Mit Jürgen Strauss und SE MUSICLAB
Fokus — Nr. 7/8, Juli/August 2022
Ende Mai wurde in Wabern bei Bern das SE MUSICLAB eingeweiht. In einer seltenen Verbindung von Natürlichkeit und Hightech ist dort alles auf konzentriertes Hören ausgerichtet.
Man betritt diese «Insel» über einen speziellen Landungssteg. Der «Herr der Insel», Jürgen Strauss, der die gesamte Anlage konzipiert und initiiert hat, erklärt, dass der gedeckte, sanft ansteigende, gekrümmte Eingang ein bisschen «architektonisch-akustisches Drama» beinhalte.
«Vor dem Eintritt ins Lab steht man in der grossen, sieben Meter hohen Halle mit ausgeprägtem Nachhall. Wenn man in den Gang hineingeht, verschwindet dieser akustische Raumeindruck nach ein paar Schritten. Es gibt einen Punkt, da hat man das Gefühl, gar nichts mehr zu hören. Drinnen wird es wieder leicht halliger; es herrscht eine entspannte Ruhe. Auch visuell ist es eine Reise: Man kommt aus hellem Tageslicht, durch Dunkelheit, in einen sanft beleuchteten Raum.»
So wandelt sich auch die emotionale Wahrnehmung des Raumes. Das Innere des MUSICLABs erinnert an ein Iglu oder eine Jurte – eine weisse Kuppel mit dunklem Fussboden, der die Wände nicht berührt. Er scheint zu schweben.
Der Eingang gemahnt an einen Eintritt in die Unterwelt. Doch man betritt kein Jenseits, wo die Naturgesetze ausser Kraft gesetzt sind. Vielmehr werden deren Wirkungen hier mit letzter Konsequenz auf ein einziges Ziel ausgerichtet.
«Dieser Ort ist so gestaltet, dass möglichst wenig ablenkt von der Konzentration aufs Hören, auf Klangbilder», betont Strauss.
«Wenn wir Licht einbringen, ist das weisses Licht mit einer ganz leichten Gelbfärbung. Das wird als neutral empfunden. Bei rötlichem Licht würde man eher das Gefühl haben, das Klangbild sei warm, bei bläulichem Licht, es sei hell und kühl.»
Das Parkett «schwebt», weil sich der Hauptbassabsorber darunter befindet und tiefe Frequenzen abfängt. Die Eingangskonstruktion sorgt auch dafür, dass selbst vor der Tür – dem isolationsmässig immer schwächsten Punkt – bereits Ruhe herrscht. Sie hat übrigens genau die Masse, damit ein Steinway D hindurchpasst.
Direkt ins Ohr
Eine Insel für die Ohren also. Und das, was den Ohren hier geboten wird, soll direkt und unverfälscht dem entsprechen, was aus den Lautsprechern des integrierten dreidimensionalen Beschallungssystems – einem 24.5-System – kommt.
Der Raum, der sonst unsere Höreindrücke stark beeinflusst, soll akustisch möglichst wenig mitspielen. Dazu wurden Lautsprecher gebaut, die den Schall in der Horizontalebene breit abstrahlen, in der Vertikalen aber bündeln. Damit werden Boden- und Deckenreflexionen nur minimal angeregt.
Zudem ist die Akustik mit einer Nachhallzeit von 0.3 Sekunden extrem «trocken».
Strauss formuliert es technisch:
«Referenz ist die Form des elektrischen Signals, so wie sie aus dem Mischpult, dem CD-Spieler oder den Digital-Analog-Wandlern kommt. Es soll möglichst exakt, proportional in eine Schallwelle umgesetzt werden. Das ist unser Ziel. Es gelingt nicht perfekt – die Perfektion ist dem Himmel vorbehalten –, aber wir versuchen uns ihr anzunähern.»
Abgeschiedenheit durch Masse
Auf einer einsamen Insel weit draussen im stillen Pazifik könnte dieses Beschallungssystem seine Qualitäten unter optimalen Bedingungen zeigen. Doch das MUSICLAB liegt in Wabern bei Bern. Wie schafft man Pazifikruhe in einem Wohn- und Geschäftsviertel, direkt an einer Bahnlinie?
«Das ist schwierig zu erreichen und geht nur, wenn der Innenraum komplett vom Aussenraum entkoppelt ist.»
Möglich wird dies durch Masse. Und diese hat hier eine spektakuläre Form: eine die Kuppel umlaufende Lehmwand, die an einen rauen Wollteppich erinnert – und an traditionelle Lehmbauarchitektur in Mali, Jemen oder im Iran.
Strauss arbeitet seit Langem mit dem Lehrstuhl für Architektur und digitale Fabrikation, Gramazio & Kohler, an der ETH Zürich zusammen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die weltweit erste robotergefertigte Lehmwand. Ein Roboter verpresste 32 000 Lehmzylinder von je rund 10 Zentimeter Durchmesser und 20 Zentimeter Länge mit 200 Kilogramm Druck und platzierte jeden an eine präzis berechnete Position.
Das Material musste nass, aber nicht zu nass sein, sonst wäre die Wand in sich zusammengefallen. Im traditionellen Bau erfordert eine fünf Meter hohe Lehmwand eine Basismauerstärke von 1.2 Metern. Die Halle ist zwar solide gebaut – hier wurde früher Bier abgefüllt –, doch ihr Boden hätte diese Last nicht getragen.
Die Wand wurde darum so geformt, dass sie sich selbst trägt. Ihre Grundlinie bewegt sich in einem sanften Wellenmuster und verjüngt sich nach oben hin zu einem einfachen Kreis, wobei die Wandstärke mit 20 Zentimetern durchgängig bleibt.
«Der Bauprozess war extrem heikel», bestätigt Strauss. «Als sie fertig war, wog die Konstruktion 72 Tonnen. Dann schwitzte sie innert dreier Monate 12 Tonnen aus und schrumpfte entsprechend. Das ist sehr untypisch, und es ist der Ingenieurskunst und dem Wissen aller Beteiligten zu verdanken, dass die Wand heute wirklich steht. Es ist eigentlich ein Projekt der angewandten Forschung, weil von Anfang an nicht klar war, ob eine so hohe Wand, selbsttragend und ohne jegliche Armierung, überhaupt gebaut werden kann.»
Da der Lehm-Mantel auf einem Federsystem aufgebaut ist, bleibt das MUSICLAB bei Vibrationen ab 8 Hertz – weit unter dem für Menschen hörbaren Bereich – ruhig, «wie ein Öltanker auf ruhiger See; der bewegt sich gar nicht mehr».
Im Innern der Wand, und von dieser völlig entkoppelt, wurden zudem 40 Tonnen Holz für die Kuppel verbaut.
Zukunftsklänge und verlorene Räume
Wer wird auf dieser Insel landen, und mit welchen Projekten?
Strauss sieht ein weites Feld von Anwendungen: von psychoakustischen Studien über die Wirkung von Klängen, über die Optimierung von Soundtracks für Filme oder Games, bis hin zur Produktentwicklung, etwa von Audioverstärkern. Auch Kurse über raumakustische Fragestellungen sind geplant, eventuell in Zusammenarbeit mit der Musikwissenschaft.
«Im Regelfall hat man Partituren und geht davon aus, dass das der Kern des musikalischen Ereignisses ist. Doch verglichen mit einer Aufführung ist das extrem abstrakt.»
Bereits heute können Simulationsprogramme anhand von dreidimensionalen Architektenplänen die akustischen Eigenschaften eines künftigen Raumes berechnen. Mit diesem Verfahren, der Auralisation, verfolgt Strauss auch das Projekt, Haydns Musik wieder zum Klingen zu bringen, wie sie im Opernhaus von Esterházy getönt haben muss.
Musiker und Toningenieure aller Sparten können im Musiclab ihre Aufnahmen detailliert analysieren und formen. Auch Aufnahmen sind möglich – der Steinway passt ja hinein –, und wären, den trockenen Akustikverhältnissen entsprechend, vom Direktschall bestimmt. Für ausgewählte Zwecke ist dies wünschenswert, obgleich das Spielen in solch einer Umgebung gewöhnungsbedürftig ist.
Doch vor der Insel ankert noch ein weiteres «Schiff»: Die Fabrikhalle birgt eine zweite Konstruktion. Von aussen ein hoher, kantiger, schwarzer Körper; innen ein Raum mit viel Holz, Leinen und Segeln – ein Tonstudio.
Es bietet Platz für Ensembles bis Septett oder Oktett. Rings um den Raum können Absorber in der Holzverkleidung geöffnet oder geschlossen werden, und Stoffrollos oberhalb können unterschiedlich stark «gesetzt» werden. So wird die Nachhallzeit variierbar, von rund 1.2 bis 0.5 Sekunden.
«Das ist eine enorme musikalische Spannbreite. Auch die Klangfarben und der Raumeindruck lassen sich extrem verändern. Auf Aufnahmen klingt der Raum grösser, als er optisch erscheint.»
Klänge, die im Studio gespielt werden, können selbstverständlich unmittelbar über die Beschallungsanlage im Lab gehört werden. Die beiden Räume, die schon die Übernamen Timbuktu und Mekka erhalten haben, bilden eine einzigartige Kombination.
Die Liebe von Auge und Ohr
Beide Bauten verbinden Technik mit Ästhetik.
«Hier soll ein Laborbetrieb stattfinden, aber in einem architektonisch stimmigen Rahmen – nicht mit willkürlich vielen Kabeln überall. Das Ganze soll auch als Eventlocation attraktiv sein.»
Darum hat Strauss der Lehmwand den Vorzug gegeben, obwohl ein Ziegel- oder Betonbau den Zweck auch erfüllt und weniger gekostet hätte.
Er sagt lachend, er habe nichts Geringeres als ein Pantheon für Akustik bauen wollen. Doch das ist nicht nur so dahergesagt.
Er erzählt die Geschichte von Narziss und Echo: Der Jüngling Narziss hört Echos Stimme, wenn er selber spricht; er verliebt sich in sie, kann sie aber nicht sehen. Die Nymphe Echo sieht Narziss, kann ihn aber nicht ansprechen. Und weil sie in einer Felswand verborgen ist, kommen die beiden nie zusammen.
Wenn man Strauss erzählen hört, kann man sich gut vorstellen, dass er hier im Stillen auch daran arbeitet, der gescheiterten Liebe zwischen Auge und Ohr doch noch zum Glück zu verhelfen.


